Hausarbeit im Hauptseminar Diesseits-Jenseits-Kodierung in der Literatur

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  2. Das Genre: Cyberpunk
  3. Der Autor - Jeff Noon
  4.1. Inhalt
  4.2. Erzählform, Struktur und Sprache
  4.3. Einordnung ins Genre
  5.1. „Wirkliche Welt“
  5.2. Vurt als virtuelle Realität
  5.3. Mythos
  5.4. Logos
  5.6. Raum
  5.5. Zeit
  6.1. Mensch/Maschine
  6.2 „Reine“/ „Hybriden“
  6.3. Körperlichkeit/Entkörperlichung
  7.1 Realität
  7.2 Identität
  8. Fazit: Vurt als erstrebenswertes Jenseits?
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Fazit: Vurt als erstrebenswertes Jenseits?


Margaret Wertheim beschreibt den Cyberspace als Ort oberhalb der Probleme und Grenzen der materiellen Welt, an den Jenseits-Hoffnungen wie die Überwindung der Materie, Transzendenz, Gleichheit aller Menschen, eine aus Allwissenheit herrührende Allmacht und die letztendliche Wiedervereinigung von Körper und Seele geknüpft werden (vgl. WERTHEIM 2002, 5-36). Darüber hinaus führt sie die von der Cyberpunk-Literatur aus Gnosis und Hermetik übernommenen Ideen an, nach denen das Individuum durch erreichte Allwissenheit eins mit der Welt und letztendlich eins mit dem All, damit „selbst wie Gott“ werden könne (aaO, 306ff).
Wie ich in meiner Arbeit dargelegt habe, treffen diese Punkte auch auf die virtuelle Realität des Vurt zu. Das „In-sich-haben“ des Vurt, die Existenz des Traumes im eigenen Körper, führt zur Existenz des Individuums im Vurt, wie die Beispiele Scribble und Game Cat zeigen. Sie sind nicht nur im Vurt, sie sind Vurt (NOON 1993, 343) – eins mit dem All. Hier erwartet sie eine Existenz in einem zeitlosen, immateriellen Raum. Die Allwissenheit Game Cats deutet auf eine Dominanz des Geistes bzw. der Seele gegenüber dem Körper hin; er und Scribble sind losgelöst von unangenehmen körperlichen Erfahrungen wie Alter, angenehme, wie Sexualität, können noch erlebt werden. Im Vurt erfüllt sich also die Sehnsucht des Individuums in einer technologisierten, rationalisierten Kultur nach einem Ort für seine Seele; erlebt wird die ersehnte Wiedervereinigung von Körper und Seele, die im mittelalterlichen Christentum als das „Endstadium der Erlösung“ angesehen wurde (vgl. WERTHEIM 2002, 38).
Andererseits stellt Vurt jedoch eine Traumwelt dar, die Abwendung von der Realität für eine Existenz im Vurt wird als „Flucht“ beschrieben. Zentrales Thema ist die Erkenntnis der Dualität beider Welten, das Bewusstwerden des Unterschiedes zwischen Realität und Vurt. Dazu gehört, sich selbst in diesen Welten zu erkennen, zu verstehen, zu welcher Welt man gehört: „Realos“ – oder auch Hund, Mensch, Robo, Shadow – die den Vurt nicht „in sich“ tragen, gehören zum realen Leben. Dies wird durch Desdemonas Rücksendung in die „wirkliche Welt“ verdeutlicht, denn alles andere hätte einen „Verrat am Leben“ dargestellt (vgl. NOON 1993, 343). Vurt bietet für diese Individuen kleine Alltagsfluchten in Feder-Szenarien, mehr oder weniger harmlose Träume. Schließlich müssen diese Träume jedoch als irreal akzeptiert werden – gelebt werden muss das wirkliche Leben, was auch einschließt, mit dem dazugehörigen Schmerz durch Verlust, Trauer, etc. umgehen zu lernen.
Und auch für die Wesen, die Körper und Vurt vereinigen, für Scribble und Game Cat, bietet der Vurt keine letztendliche Erlösung. Beide finden hier keinen Seelenfrieden, ihre Transzendenz, ihr Einswerden mit dem All, ist nicht vollkommen – Game Cat zieht es als Beobachter immer wieder zurück nach „unten“, in die Realität (aaO, 342), Scribble flüchtet sich aus der einen immateriellen Welt in andere virtuelle Feder-Szenarien. Dieser Vurt ist nicht sein letzter Bestimmungsort – er ist immer noch ein Wartender (aaO).
Einer rationalistischere Sichtweise verkörpert in Gelb Game Cats Bruder Tristan: In der „wirklichen Welt verhaftet“, lehnt er jedes Streben nach Immaterialität und Jenseits ab – für ihn existiert kein „Ort für die Seele“. Gelb spiegelt in dieser Konfrontation aus quasi-religiösem Erlösungsstreben und nüchterner Rationalität die Ambivalenz wieder, die kennzeichnend für unsere heutige Gesellschaft ist – einerseits die Negation einer menschlichen Seele durch die Naturwissenschaften, andererseits die Sehnsucht nach einer besseren, transzendierten Existenz im Jenseits. Der Roman stellt diesen Gegensatz nun als einen Bruderkonflikt dar, was zeigt, dass beide, die rationalistisch-naturwissenschaftliche wie auch die religiöse Sichtweise, denselben Ursprung haben: Nämlich das menschliche Bestreben, die Unsicherheiten des eigenen Daseins zu erklären.



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