Hausarbeit im Hauptseminar Diesseits-Jenseits-Kodierung in der Literatur

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  2. Das Genre: Cyberpunk
  3. Der Autor - Jeff Noon
  4.1. Inhalt
  4.2. Erzählform, Struktur und Sprache
  4.3. Einordnung ins Genre
  5.1. „Wirkliche Welt“
  5.2. Vurt als virtuelle Realität
  5.3. Mythos
  5.4. Logos
  5.6. Raum
  5.5. Zeit
  6.1. Mensch/Maschine
  6.2 „Reine“/ „Hybriden“
  6.3. Körperlichkeit/Entkörperlichung
  7.1 Realität
  7.2 Identität
  8. Fazit: Vurt als erstrebenswertes Jenseits?
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7.1 Realität

Realität und Identität sind die Schlüsselbegriffe der Cyberpunk-Literatur, behandelt dieses Genre doch die Überlagerung zweier Welten, dem Real Life und der virtuellen Realität. Was ist in diesem Kontext also noch real, was Simulation? Inwieweit kann eine Simulation zur Realität werden? Und wo ist das Individuum, das Selbst in diesem Dualismus zu verorten, in beiden Welten oder nur in einer – und in welcher?
Die Beschäftigung mit diesen zentralen Fragen geschieht in Gelb sehr komplex. „Wirkliche“ Welt und virtuelle Realität überlagern sich durch die Beschaffenheit des Vurt sowieso – auf dem Federtrip wissen die Nutzer nicht, dass sie sich im Vurt befinden, ihre Erlebnisse und Sensationen erscheinen ihnen wirklich. Einzige Ausnahme stellt das Gefühl der „Heimsuchung“ dar, das Einbrechen der Realität in den Vurt, bei dem sich der Nutzer plötzlich auf unangenehme Weise der Irrealität seiner Umgebung bewusst wird (NOON 1993, 40). Eigentlich können sich die Protagonisten dieses Romans nie sicher sein, ob die Ereignisse um sie herum wirklich oder lediglich simuliert sind.
Dies wird durch die Realitätsdissoziation Scribbles gesteigert – er erlebt das Gefühl der „Heimsuchung“ in dem, was er als Realität betrachtet (aaO, 151). Die Wirklichkeit wird flüchtig, sie erscheint nicht mehr „unerschütterlich und fest gefügt“. Bald ist er sich unsicher darüber, was wirklich ist und was nicht (aaO, 240). Scribble erfährt diese Durchlässigkeit der Realität als unheimlich, er beschreibt sie als „Abgrund“ (aaO, 151). Game Cat allerdings stellt sowohl das Gefühl der „Heimsuchung“ als auch den „Wechsel zwischen den Ebenen“, die Flüchtigkeit von Realität und Vurt, als etwas Positives heraus, das Scribble der Erkenntnis seiner Identität und damit dem „Übertritt“ zum Vurt näher bringt (aaO 40, 151).

Das Spiel mit den verschiedenen Realitäten wird komplizierter, als Scribble sich selbst beobachtet, wie er eine Feder in den Mund steckt und so auf einen Vurttrip geht (aaO, 143ff). Jeff Noon löst diese Situation anschließend nicht auf, es ist also möglich, dass alle späteren Ereignisse – sowohl das Gespräch mit Game Cat, die Verfolgung durch die Polizei bis hin zu Scribbles Austausch gegen Desdemona - in diesem Roman nur noch in Scribbles Vorstellung, bzw. in einem Vurttrip, stattfinden.
Weiter unterstrichen wird die Überlagerung der beiden Welten - de facto sogar von drei Welten: die Realität im Roman, Vurt, und die tatsächliche Realität des Lesers - durch die Klammer, die Noon um seinen Roman setzt: „Ein kleiner Junge steckt sich eine Feder in den Mund...“, „...ein kleiner Junge nimmt eine Feder aus seinem Mund.“ (aaO, 7, 343, Hervorhebung im Original). Die Geschichte könnte also nicht Scribbles Geschichte darstellen, die gerade gelesen wird, sondern von einer dritten Person im Vurt erlebt werden, in deren Kopf sich der Leser gewissermaßen befindet. Dieser Hinweis wird verstärkt durch die Erwähnung, dass eine Feder nach Scribbles Erlebnissen gestaltet wird: Crash Driver (aaO, 215). Realität und Irrealität erscheinen auf allen drei Ebenen noch schwieriger voneinander zu differenzieren: „Vielleicht lest ihr es gerade. Oder vielleicht spielt ihr die Feder. Oder vielleicht seid ihr in der Feder und denkt, ihr würdet den Roman lesen, weil ihr es nicht besser wisst.“ (aaO, 343, Hervorhebung im Original).
Das Ende des britischen Originals fügt nochmals eine Stufe der Komplexität hinzu. Dort heißt es: „We´re all in there, Scribble. Inside Miss Hobart´s head. All the Vurt.” Was befindet sich also nun in Hobarts Kopf, was findet lediglich in den Träumen der alten Frau statt: der gesamte Vurt oder doch wir alle? Man kann diesen Satz zum Einen als weitere Verdeutlichung der Irrealität Vurts interpretieren, zum Anderen kann er aber auch die Negation der gesamten Realität (im Roman) bedeuten – und damit letztendlich eine Auflösung des Dualismus zwischen den beiden Welten. Die Antwort auf die Frage, was real ist, lautet dann: “Nichts ist real.“ (aaO, 196).



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