Hausarbeit im Hauptseminar Diesseits-Jenseits-Kodierung in der Literatur

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  2. Das Genre: Cyberpunk
  3. Der Autor - Jeff Noon
  4.1. Inhalt
  4.2. Erzählform, Struktur und Sprache
  4.3. Einordnung ins Genre
  5.1. „Wirkliche Welt“
  5.2. Vurt als virtuelle Realität
  5.3. Mythos
  5.4. Logos
  5.6. Raum
  5.5. Zeit
  6.1. Mensch/Maschine
  6.2 „Reine“/ „Hybriden“
  6.3. Körperlichkeit/Entkörperlichung
  7.1 Realität
  7.2 Identität
  8. Fazit: Vurt als erstrebenswertes Jenseits?
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6.3. Körperlichkeit/Entkörperlichung

Gelb zeigt die für Cyberpunk typische Ambivalenz zwischen Abwertung und gewünschter Überwindung des Körpers und einer zentralen Stellung der körperlichen Materialität (vgl. CAVALLERO 2000, 100ff). Einerseits wird die „Angst vor dem Fleisch“ beschrieben, die reale Welt wird als „fleischlich“ abgewertet (NOON 1993, 113). Im „Shitville“-Kapitel erscheint die animalische Körperlichkeit der Hundewesen als eklig (aaO, 281ff) und Scribble reagiert „angewidert“ auf seine körperliche Lust im Vurt (aaO, 251). Vurt bietet Transzendenz, ein Entkommen aus dem „zu fleischlichen, zu menschlichen“ Körper (aaO, 271). In den Feder-Szenarien bleibt der Körper zwar äußerlich unverändert, seine Kräfte und Fähigkeiten werden aber potenziert, die Nutzer erleben ein Gefühl der Allmacht. Auch Sterben wird zu einem den Körper transzendierenden Prozess – Beetle ist kurz vor dem Tod durch den von einer Gewehrkugel freigesetzten „Fraktalvirus“ nicht mehr „Fleisch“, er wird zu einem „strahlenden Licht“ aus „leuchtenden Farben“ (aaO, 299).
Andererseits spielt die Körperlichkeit nicht nur in der Realität eine dominierende Rolle – auch die Feder-Szenarien des Vurt werden über Sinne wahrgenommen. Die genaue Beschreibung von Farben, Formen, Gerüchen und Gefühlen in den Vurt-Träumen stellt die Bedeutung dieser Sensationen immer wieder als sehr zentral heraus. English Voodoo schließlich spielt explizit mit den Sinnen (aaO, 161).
Alles beherrschend ist die Sexualität – obwohl an einigen Stellen abgewertet, ist es doch die Vermischung der Daseinsformen durch Sex, die den Individuen den Aufstieg zu mehr Wissen ermöglicht (aaO, 169). Geschlechtsverkehr zwischen den verschiedenen Lebensformen wird hier nicht tabuisiert, sondern ist ausdrücklich erwünscht. Die animalische Körperlichkeit der Hunde ist auf der einen Seite zwar schockierend, allerdings erscheinen Hundewesen auch als besonders attraktiv. Dazu führt der zweite Weg zum Wissen nur über körperliche Erfahrungen, über körperliche Lust und körperliche Schmerzen – mehr noch, das Wissen selbst wird verkörpert: „Wissen ist Lust. Wissen ist Folter.“ (aaO 161ff).
In Gelb wird auch auf die unheimliche Seite der Transzendenz eingegangen: Scribble fühlt sich am Ende bei seinen Ausflügen in die Realität wie ein „Geist“ (aaO, 341), da er das Leben in der Realität nur noch beobachten, selbst aber nicht mehr wahrgenommen werden kann. Auch das Gefühl der „Heimsuchung“ hat gespenstische, unheimliche Qualitäten, das „rausspringen“ aus einem Vurt schließlich fühlt sich an, als „reiße“ ein „Gespenst“ den Nutzer aus dem Traum zurück (aaO, 36f).

In der deutschen Übersetzung erscheinen einige Widersprüche zwischen der Körperlichkeit in der Realität und Entkörperlichung im Vurt wenig stringent und bleiben unaufgelöst: So werden Vurt-Wesen beim Übertritt in die wirkliche Welt physisch, erhalten einen materiellen Körper, werden zu „Vurtfleisch“ (aaO, 251ff). Der Körper der Feder-Nutzer bleibt während des Trips in der Realität, ihre Materialität löst sich in den Vurt-Szenarien allerdings nicht auf - hier erlittene Verletzungen bleiben nach dem Ende des „Traums“, der Tod in einer gelben Feder ist gleichbedeutend mit dem Tod in der realen Welt. Desdemona – kein Vurt-Wesen, sondern in einer Feder gefangen – kann einmal sogar in den Körper einer Vurtdarstellerin eindringen, wird auf diese Weise sogar von Scribble geschwängert (aaO, 253, 341). Vurt dient hier als Medium - warum sich aber jemand, der den Vurt nicht „in sich trägt“, plötzlich dieses Mediums bewusst bedienen kann, wo Scribble als Vurtträger mehrere vergebliche Versuche dafür braucht, bleibt im Verlauf des Romans unschlüssig.

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20. zum Verhältnis des Cyberpunk zum Unheimlichen siehe CAVALLERO 2000, 167-172
21. In der britischen Originalversion kann man diese Fragen als durch die Negation jeglicher Realität geklärt betrachten – der Vurt findet lediglich „in Hobart´s head“ statt, dementsprechend ist alles möglich (siehe Anhang).



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