Hausarbeit im Hauptseminar Diesseits-Jenseits-Kodierung in der Literatur

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  2. Das Genre: Cyberpunk
  3. Der Autor - Jeff Noon
  4.1. Inhalt
  4.2. Erzählform, Struktur und Sprache
  4.3. Einordnung ins Genre
  5.1. „Wirkliche Welt“
  5.2. Vurt als virtuelle Realität
  5.3. Mythos
  5.4. Logos
  5.6. Raum
  5.5. Zeit
  6.1. Mensch/Maschine
  6.2 „Reine“/ „Hybriden“
  6.3. Körperlichkeit/Entkörperlichung
  7.1 Realität
  7.2 Identität
  8. Fazit: Vurt als erstrebenswertes Jenseits?
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6.1. Mensch/Maschine

Ein zentrales Thema der Cyberspace-Literatur stellt die Vermischung von Mensch und Maschine dar, verkörpert durch Cyborgs als Mischung technischer und organischer Strukturen. In Gelb spielt diese Überschneidung von Technologie und Menschlichkeit eine eher untergeordnete Rolle, da die Reise in die virtuelle Welt hier ohne technische Unterstützung von Computern stattfindet. Das Motiv der Technifizierung des Menschen wird dennoch an mehreren Punkten deutlich gemacht.
Die Cyborgs in Jeff Noons Roman sind die Robos, entstanden durch die Verpflanzung synthetischer Materialien in den menschlichen Körper, zum Beispiel als Prothese für abgetrennte Gliedmaßen (vgl. die Geschichte des Robo-Kochs Barnie, aaO, 239ff). Das eingepflanzte Material ist „Nano-Plastik“, bestehend aus kleinen Viren, künstlich geschaffenen mikroskopischen Wesen. Einmal in den menschlichen Körper implantiert, vermitteln sie dem Träger der Prothese ein Gefühl der „Stärke“, von körperlicher „Härte“. Dieses Gefühl wird für Barnie zur Sucht, er lässt sich immer mehr Plastik einsetzen, bis er vollständig zum Roboter wird. Dies bedeutet allerdings auch den Verlust seiner Menschlichkeit („[...] mit einer Andeutung von Trauer in der Stimme, als hätte er etwas verloren, etwas Menschliches“, aaO).
Die „Nanoviren“, die nicht nur in der Medizin zur Herstellung von Prothesen, sondern auch in der alltäglichen Kosmetik Verwendung finden, werden beschrieben als „winzige Maschinen“, als „Babycomputer“ (aaO, 86), die unter anderem „Schmutz in Daten“ verwandeln. Noon personifiziert sie, stellt ihr Handeln als aktiv dar – sie sind „lebendig“ (aaO), sie „tummeln“ sich (aaO, 239), nach Suze’ Tod „wimmern“ die „Naniten“ in ihrem Haar sogar „um Gnade“ (aaO, 181). Dadurch erscheinen diese Maschinen wie eigenständige Lebewesen, die Grenzen zwischen Biologie und Technologie werden verwischt.
Dazu trägt auch die wiederholte Personifizierung unbelebter technischer Gegenstände bei: Der verbrannte Bus der Stash Riders ist ein „Leichnam“ (aaO, 95), Scribble trauert um ihn wie um einen „alten Freund“ (aaO, 103), in einem Vurt-Szenario erscheint er ihm gleichbedeutend mit seinen menschlichen Bezugspersonen (aaO, 99ff). Auch Waffen werden personifiziert oder mit Körperteilen assoziiert, wirken so in ihrem Handeln beinahe selbstbestimmt (vgl. u.a. aaO, „Murdochs Waffe war ein geiler Schwanz, [...] und er zielte geradewegs auf mich, [...].“, 157)
Ein weiteres Beispiel ist das „Mandelgeschoss“, das Beetle verletzt und einen „Fraktalvirus“ in seine Wunde injiziert (aaO, 218f). Damit wird „ein Programm in die Zellwände geschrieben“, dass sich auf seine Empfindungen auswirkt: Er verspürt keine Schmerzen, die Wirkung der Kugel auf sein Emotionszentrum lässt ihn angenehme Gefühle haben. Die „Fraktale“ erscheinen hier als kleine Würmer, als lebende Wesen, die sich Beetles Fleisch einverleiben und es in „leuchtende Farben“ verwandeln.
Der Personifizierung unbelebter Gegenstände steht die Beschreibung der Menschen - und anderer Lebensformen - durch technische Attribute gegenüber: Beetle „schaltet“ so zum Beispiel „auf Adrenalinmodus“ (aaO, 57, 61); der „Shadowcop“ Takshaka muss sich zunächst sogar von Menschen in die Realität projizieren lassen, wird anscheinend von einem anderen Polizisten über einen kleinen schwarzen „Steuerungskasten“ bedient und reagiert angeschossen wie ein beschädigtes Gerät (aaO, 157).

Eine interessante Variante der Überschneidung von Mensch und Maschine ist die Verbindung durch körperliche Prozesse ausgelöster Gefühle mit ihrer Manipulation durch Technik. Musik wird so zum Beispiel direkt aus dem limbischen System in ein Gerät eingespeist, das diese zu Tönen verarbeitet, die wiederum auf das limbische System der Hörer einwirken („Limbic Splitters“, aaO, 131). Das limbische System ist der Ort im Gehirn, in dem „Schmerzinformationen mit unbewussten oder emotionellen Inhalten vermischt“ werden. Der hier gelegene Hippocampus ist zuständig für die Verarbeitung von Erinnerungen, der Hypothalamus kontrolliert die Hormonausschüttung der Hypophyse, die Amygdala oder Mandelkern bestimmt Sozialverhalten, Agressionen und Gemütslage. Daher wird dem limbischen System die Beteiligung an der Entstehung von Emotionen zugesprochen. So werden also diese Emotionen direkt aus dem Gehirn maschinell verarbeitet und dann dem Menschen wieder zugeführt, auf dass neue Gefühle entstehen können.

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17. Der Begriff „Mandelgeschoss“ leitet sich von Benoit Mandelbrot ab, der den Term der Fraktale prägte. Fraktale sind laut Wikipedia „natürliche oder künstliche Gebilde oder geometrische Muster“, „die einen hohen Grad von Skaleninvarianz bzw. Selbstähnlichkeit aufweisen. Das ist beispielsweise der Fall, wenn ein Objekt aus mehreren verkleinerten Kopien seiner selbst besteht. Geometrische Objekte dieser Art unterscheiden sich in wesentlichen Aspekten von gewöhnlichen glatten Figuren. Durch ihren Formenreichtum und dem damit verbundenen ästhetischen Reiz spielen sie in der digitalen Kunst eine gewisse Rolle. Ferner werden sie bei der computergestützten Simulation formenreicher Strukturen wie beispielsweise realitätsnaher Landschaften eingesetzt.“ Noon bringt hier also einen direkten Verweis auf die Virtuelle Realität. (Quelle: wikipedia )
18. Vgl. sinne und psychologie In seinen späteren Romanen arbeitet Noon diese Idee weiter aus: Musik wird hier zu einem Virus, Infizierte haben die Fähigkeit, als DJs mit Hilfe des „Limbic Splitters“ Geräusche aus dem Gehirn in Musik zu übersetzen. Diese Musik – „Musick“, zusammengesetzt aus den Termen „Music“ und „Sickness“ – ist es, die bei den Hörern genetische Mutationen hervorruft und so die verschiedenen Daseinsformen erschafft (siehe Glossar im Anhang, Quelle: bulletsofautumn. Siehe auch die unterschiedlichen Theorien zur Entstehung von Vurt.
19. Der menschliche Körper wird damit zur flüchtigen Entität, durchlässig für jegliche Art von Veränderung (vgl. auch CAVALLERO 2000, 72).



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