Hausarbeit im Hauptseminar Diesseits-Jenseits-Kodierung in der Literatur

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  2. Das Genre: Cyberpunk
  3. Der Autor - Jeff Noon
  4.1. Inhalt
  4.2. Erzählform, Struktur und Sprache
  4.3. Einordnung ins Genre
  5.1. „Wirkliche Welt“
  5.2. Vurt als virtuelle Realität
  5.3. Mythos
  5.4. Logos
  5.6. Raum
  5.5. Zeit
  6.1. Mensch/Maschine
  6.2 „Reine“/ „Hybriden“
  6.3. Körperlichkeit/Entkörperlichung
  7.1 Realität
  7.2 Identität
  8. Fazit: Vurt als erstrebenswertes Jenseits?
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5.4. Logos

Cyberpunk-Literatur führt ihre Protagonisten in virtuelle Realitäten, generiert aus Daten, kodiert in der logischen Abfolge von Einsen und Nullen. In Gelb bestehen diese virtuellen Realitäten aus „Träumen“ – als solche gehen sie zwar aus dem menschlichen Geist hervor, stammen aber aus dem Unbewussten und eben nicht aus dem Verstand. Versetzen einige Szenarien die Nutzer auch auf „die Pfade des eigenen Verstandes“ (aaO, 31), sind die Inhalte doch eher mythologisch konnotiert. Wie diese Träume auf Federn kodiert werden - ob etwa aus dem „Rauch“, als der die Träume aus den Köpfen der Vurtdarsteller zu gelangen scheinen, Daten geschaffen und diese auf die Federn geschrieben werden – und wie sie nachher aus den Federn wieder ausgelesen werden, wird nicht erläutert.
In der Dimension des Vurt stehen dem mythologischen Inhalt der übrigen Federn allerdings die silbernen „Operatorenfedern“ (aaO, 50) gegenüber. In Sniffing General schwebt Scribble entkörperlicht in einer rein geistigen Welt, die nur aus Gedanken besteht: „Nicht einmal ich bin hier. Nur der Gedanke, daß ich vielleicht hier sein könnte. Denke ich.“ (aaO, 256). Der Prozess des Denkens wird durch die ständige Wiederholung betont, Denken ist hier gleichbedeutend mit Existenz („Nein, hör nicht auf zu denken, Scribble! Denn dann würdest du nicht einmal mehr hier sein.“ aaO).
In die körperlose Dunkelheit dringen nun Assoziationen mit Computerprogrammen: Ein „kleiner silberner Stern“, der blinkt „genau wie ein Cursor“, schreibt die verschiedenen zur Wahl stehenden Menüpunkte in die Leere. Diese Menüpunkte öffnet Scribble nun wiederum dadurch, dass er an die davor stehende Zahl denkt (aaO, 257). Daraufhin öffnet sich ein Untermenü, der nächste Menüpunkt wird durch reine Gedankenkraft geöffnet, bis Scribble sich schließlich in dem Vorzimmer eines Büros wiederfindet – wieder als Einheit aus Körper und Geist (aaO, 258).
Daten spielen explizit an anderer Stelle eine Rolle: „Shadowcops“ sammeln diese, senden „Inpho-Strahlen“ aus, mit denen sie die über jedes Lebewesen gespeicherten Daten auslesen und mit ihrem Speicher vergleichen können (aaO, 24, 32). Mythos und Logos überlagern hier – „Shadowcops“ als Mischung aus Schatten und Roboter, aus Rauch und Mechanik verkörpern beide Ebenen (aaO). Die größtmögliche Datensammlung bildet dabei ausgerechnet der Schlangenkönig Takshaka, nicht nur ein Wesen aus einer Vurt-Feder, sondern direkt aus einer hinduistischen Sage. Die Polizei benutzt ihn, um alle ihre Daten „in ihm“ abzuspeichern (NOON, 1993, 260). Das mythologische Wesen beherbergt in sich reine Abstraktion, „eine Welt der Zahlen“ und der „Mathematik“ (aaO, 308f). Nach Takshakas Biss fällt Scribble in eine „Schlangengrube“ aus „reiner, nackter Information“, in ein „Meer der Gleichungen“ (aaO, 308f).
Der Mathematik kommt in Gelb noch eine andere wesentliche Aufgabe zu: Der Austausch eines Gegenstandes oder eines Lebewesens aus der wirklichen Welt durch eines aus dem Vurt wird mittels einer mathematischen Gleichung berechnet: „R = V +/- H“, wobei R die Realität, V der Vurt und H die „Hobart-Konstante“, „0,267125 des ursprünglichen Werts“, ist. Durch diese Rechnung soll das „Gleichgewicht“ zwischen den beiden Welten erhalten werden (aaO, 68f). Diese Mechanismen verwaltet nun der Sniffing General, der in einem sehr bürokratischen System Buch über alle Vorgänge im Vurt führt und die „Transaktionen ausarbeitet“ (aaO, 259f). Der General selbst wiederum wird als „Türgott“ bezeichnet, ist also gleichfalls ein Wesen sowohl aus dem Mythos wie aus dem Logos der Mathematik. Mit den Charakteren Takshaka und Sniffing General zeigt sich die Verbindung von Mythos und Logos, die beide die Überwindung der körperlichen Materialität und somit Transzendenz zu Gunsten der Seele bzw. des Geistes zum Ziel haben.

So erscheint in einigen Sequenzen Gelbs der Logos, der Geist, dem Körper übergeordnet. Shadow-Wesen zum Beispiel stellen als Geschöpfe aus „Rauch“ und „Nebel“ beinahe immaterielle, dadurch geistige Wesen dar. Als körperlose, transzendierte Wesen sind sie nicht „real“, dennoch in der „wirklichen Welt“ verhaftet, da sie nicht aus dem Vurt stammen (aaO, 42). Sie können Gedanken lesen und mit ihren Gedanken in die Köpfe anderer Lebensformen eindringen. Sie schlafen die meiste Zeit, sind „versunken in ihre Wissensträume“ (aaO). Damit stehen sie auf einer höheren Entwicklungsstufe als die anderen reinen Daseinsformen.
Die niedrigste Stufe nehmen die von körperlichen, animalischen Trieben geleiteten Hundewesen ein. Verstand steht über Trieben, über körperlichen Gelüsten (aaO, 281ff). Roboter als Maschinenwesen werden zwar als körperlich kräftig und „hart“ beschrieben, jedoch eher mit Puppen assoziiert („Toyville“, aaO, 236ff), erscheinen so als fremdbestimmt, ohne eigenen Geist. Sie sind ebenso wenig „real“ wie Shadows (aaO, 237), sie „haben keine Seele“ (aaO, 33). „Real“ sind Menschen, die Verbindung aus Körper und Verstand, aus Trieben und Geist (vgl. die verschiedenen Referenzen auf „Realos“, aaO, 12, 57). Der Zustand des Schlafes, in dem sich die Shadow-Wesen die meiste Zeit befinden, die entkörperlichte Welt der Träume als Reise in die eigene Gedankenwelt, hat so einen geringeren Stellenwert als die tatsächlich wahrgenommene, erlebte Welt der Menschen.

Die dominierende Stellung des Logos über die Körperlichkeit wird vor allem durch den Status des „Wissens“ verdeutlicht. Erstrebenswert für alle Daseinsformen ist es, immer mehr Wissen zu erwerben. Ein Weg dazu ist die Vermischung der verschiedenen Lebensformen: Je mehr Elemente ein Lebewesen in sich vereint, desto mehr weiß es auch, desto höher steht es auf den „STUFEN DES SEINS“ (aaO, 269ff, Hervorhebung im Original). Reine führen zwar ein „gutes Leben“, dies ist jedoch nicht das angestrebte, zumindest nicht das von der Game Cat propagierte Ziel (aaO).
Ein anderer Weg zum Wissen führt über Wissensfedern, die allerdings nicht jeder erhält, sondern die man sich erst „verdienen“ muss (aaO, 93, 113), wie bereits in 5.3: Mythos dargelegt. Der Weg zur Erkenntnis, zum Logos, führt durch den Mythos. Ebenso ist es Lebewesen, die den Vurt in sich tragen, möglich, Wissen aus verschiedenen Federn zu beziehen (aaO, 205).
Die Feder Curious Yellow hebt schon mit ihrem Namen die Bedeutung der Neugier, der Gier nach Wissen hervor. In English Voodoo und Curiuos Yellow erhält man Wissen durch „Lust“ und durch „Folter“, durch Sexualität und körperliche Schmerzen. Bezeichnender Weise verschwinden die Mönche in Voodoo in einem Loch im Boden, um so zu Curious und zu mehr Wissen zu gelangen (aaO, 162). Ein Aufstieg ist erst durch diesen Abstieg in die Niederungen körperlicher Erfahrungen möglich - oder um es mit Augustinus zu sagen: „Steige hinab, auf das du aufsteigen kannst“. Das Wissen selbst ist dabei gleichzeitig Mittel und Ziel des „Aufstiegs“.
Im Gegensatz zum christlichen Mythos ist in Gelb die Erkenntnis und die Suche nach dieser etwas sehr Positives. Erst wer Realität und Vurt unterscheiden kann und erkennt, in welcher Ebene er sich befindet und zu welcher er gehört, kann die „höchste Stufe“ erlangen (aaO, 40, 113, 269f, 341ff). Scribbles Geschichte berichtet von seinem Weg zur Selbsterkenntnis. Sein Austritt aus der „wirklichen Welt“ für eine Existenz im Vurt stellt den Austritt aus der Unschuldigkeit, allerdings auch aus der Unwissenheit seines „reinen Lebens“ dar. Erst dieser Austritt ermöglicht ein Leben in der „Ewigkeit“ (aaO, 339).



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