Hausarbeit im Hauptseminar Diesseits-Jenseits-Kodierung in der Literatur

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  2. Das Genre: Cyberpunk
  3. Der Autor - Jeff Noon
  4.1. Inhalt
  4.2. Erzählform, Struktur und Sprache
  4.3. Einordnung ins Genre
  5.1. „Wirkliche Welt“
  5.2. Vurt als virtuelle Realität
  5.3. Mythos
  5.4. Logos
  5.6. Raum
  5.5. Zeit
  6.1. Mensch/Maschine
  6.2 „Reine“/ „Hybriden“
  6.3. Körperlichkeit/Entkörperlichung
  7.1 Realität
  7.2 Identität
  8. Fazit: Vurt als erstrebenswertes Jenseits?
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5.3. Mythos

In der Cyberpunk-Literatur dient die mythologische Kodierung zur Verdeutlichung der Sehnsucht einer technologisierten Kultur nach Transzendenz, nach einem „entkörperlichten Paradies für unserer Seelen“ (WERTHEIM 2002, 6, vgl. auch CAVALLERO 2000, xi ff). Jeff Noons mythologische Bezüge erscheinen dabei wesentlich ausgearbeiteter als etwa Gibsons Verweise auf Voodoo-Religionen in Biochips und Mona Lisa Overdrive (vgl. GIBSON 2002).
Noon benutzt zum Einen antike griechische und indische Mythologie, um den Vurt als transzendentale Welt von der Realität abzuheben. Bereits Scribbles Geschichte selbst ist an einen antiken Mythos angelehnt: Wie in der Orpheus-Sage versucht hier der Held, seine Geliebte aus der Unterwelt, also aus dem Jenseits, zurück ins Leben, zurück in die wirkliche Welt zu holen (BUTTLER 2000, 65f).
Weiterhin versetzen einige Federn den Nutzer explizit in eine Sage: So führt Takshaka Yellow in einen indischen Mythos, in dem man als Brahma „Utanka“ die „Ohrringe der Königin“ aus den Fängen des Schlangenkönigs Takshaka beschaffen muss (NOON 1993, 186ff). Die Feder Skull Shit lässt den Nutzer in seinem eigenen Verstand wandeln, der sich als „Labyrinth“ darstellt, und in dessen Mitte „lauert ein Ungeheuer“ (aaO, 31), ein Szenario, das von der griechischen Minotaurus-Sage übernommen worden ist.
Ein weiterer Verweis auf antike griechische Mythen ist die Firma „Chimera Corporation“, benannt nach dem Fabelwesen, das in die heutige Sprache als Begriff für ein Hirngespinst, oder eben für einen Traum, eingegangen ist. Die Mitarbeitern dieser Firma, zuständig für die Herstellung von PornoVurts, von Sexträumen, lässt Noon Namen griechischer Sagengestalten als Pseudonyme tragen, wie „Icarus“ oder „Herkules“ (aaO, 105).

Auch okkulte Praktiken finden Eingang in Noons Roman: Suze lässt er „orakeln“ und für Scribble die Tarotkarten legen (aaO, 89). Die Karte, die sie dabei zieht, ist „der Narr“ - die Karte Nummer Null im Tarotsystem, die das Kindliche im Menschen symbolisiert und für das Ausbrechen aus dem gewohnten, alltäglichen Leben steht, für die Sehnsucht nach und die Möglichkeit für einen Neubeginn. Diese Karte ist nun also Scribbles Karte – damit gibt Noon einen Hinweis auf Scribbles späteren Austritt aus der Realität, auf seine neu beginnende Existenz im Vurt.
In „Gelb“ findet sich mit der Feder English Voodoo auch ein Verweis auf den Voodoo-Kult. Allerdings ist es fraglich, ob diese Bezeichnung tatsächlich eine tiefere Bedeutung hat, näher erläutert wird sie nämlich nicht, lediglich Voodoos Status als „Wissensfeder“, die den Nutzer durch „Lust“ und „Folter“ zu einer höheren Stufe führen soll, findet Erwähnung (aaO, 160ff).
In der zweiten Hälfte des Romans lässt Noon seine Protagonisten mehrmals den Satz „Bewahrt den Glauben!“ äußern (aaO, 210, 317, 336). Woran oder auch warum wird allerdings im weiteren Verlauf der Handlung nicht ausgeführt, vielmehr wissen auch die Charaktere selbst nicht, warum sie diesen Satz sagen. Wahrscheinlich ist, dass diese Äußerung weniger für einen bestimmten Glauben, als für das Festhalten an der Hoffnung steht, für die Überzeugung dafür, dass „die Welt einen Sinn ergibt“, der sich den Protagonisten in ihrer von Verlusten und Schmerz geprägten Realität zunächst ebenso wenig erschließt wie in den Traumwelten des Vurt.

Mehrmals wird Vurt als ein metaphysischer Ort, jenseits der wirklichen Welt, gekennzeichnet (die metaphysischen Qualitäten des „Ortes“ Vurt werde ich unter 5.6: Raum näher untersuchen). Die Feder Curious Yellow zum Beispiel stammt aus „Gefilden, wo die Dämonen und Götter thronen“ (aaO, 91). Desdemona, die in Curious verloren ging, gehört nun „nicht mehr zu dieser Welt“ (aaO). Hier wird eine christliche Kodierung des Romans deutlich, die Noon durch die Verwendung biblischer Symbolik und Sprache weiter ausbaut. So lässt er mehrere Figuren auftreten, die an im christlichen Sinne höhere Wesen erinnern.
Eine dieser Figuren ist Game Cat, der durch seine Rolle als Übermittler des Wissens und als Scribbles Führer auf dem Weg zur Erkenntnis Ähnlichkeit mit biblischen Propheten erhält. Er tritt als beinahe allwissender Ratgeber auf, der Scribble nicht nur Anweisungen gibt und Ratschläge erteilt, sondern ihn auch aus gefährlichen Situationen rettet (aaO, 274) und damit sogar Assoziationen zu Schutzengeln weckt. In den Artikeln seiner Zeitschrift stellt er sich selbst als über seinen Lesern stehend dar, da er als Hybride aus vier verschiedenen „Daseinsformen“ mehr Wissen besitzt und dieses Wissen teilweise vermittelt (aaO, 68). Angeblich sagt er die „ewige Wahrheit“ (aaO, 197), eine Aussage, die ebenfalls an biblische Darstellungen von Engeln oder Propheten erinnert. Beschrieben wird Game Cat als „englischer Gentleman“, „in Wissen und Leiden gekleidet“ (aaO, 144). Seine Erscheinung ist andererseits körperlos, denn wie ein Geist ist er nur für Scribble und Tristan sichtbar (aaO). Als er Scribble in einem Vurt erscheint, hält dieser ihn zunächst auch für einen „Geist“, assoziiert ihn dann mit „Dunkelheit“ und mit seinem „Vater“, bevor er ihn erkennt (aaO, 194). Game Cats übernatürlicher, übermenschlicher Status wird weiterhin dadurch verdeutlicht, dass er Gedanken lesen kann (aaO, 261) und dass es ihm gelingt, den eigentlich unbesiegbaren Schlangenkönig Takshaka zu bezwingen (aaO, 274). Das erste Gespräch zwischen Scribble und Game Cat findet bezeichnender Weise auf der Galerie eines Festsaales, über den Köpfen der anderen Feiernden statt, also gewissermaßen an einem höheren Ort (aaO, 144ff).
Ein anderes Beispiel ist Hobart, die noch über Game Cat zu stehen scheint. Zunächst tritt sie nur in Form der Gerüchte auf, die über sie im Umlauf sind: Sie sei entweder Vurt-Erfinderin, Königin, Göttin, Traum oder Legende (aaO, 199). Später erscheint sie Scribble in der Feder Sniffing General als körperloses Wesen, das ewig schläft und dabei traumredet (aaO, 333). Auffällig ist, dass sie nicht „vor der Zeit“ erwachen darf (aaO, 337), weil dieses Erwachen das Ende des Vurt und damit der Existenz aller Protagonisten des Romans bedeuten würde. So wird ein Bezug zur christlichen Erwartung des Messias hergestellt, der erst wieder auf dieser Welt erscheinen soll, wenn seine „Zeit gekommen“ ist. Die in der Übersetzung fehlende Endsequenz schließlich zeigt Hobart zwar als menschliches Wesen („old Lady“), doch da sich die gesamten Welten des Vurt in ihrem Kopf, in ihren Träumen, abspielen, erscheint sie gleichzeitig als Schöpferin dieser Welten und weckt Assoziationen mit einem göttlichen Wesen. Sie wird beschrieben als der „Ursprung, das, aus dem wir entstanden sind und zu dem wir alle wieder zurückwollen.“ (aaO, 270), ein Satz, der auf die menschliche Sehnsucht nach einem Jenseits, nach einem himmlischen Reich hindeutet. 16

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16. Auf Hobarts Identität werden in Noons Debüt nur schwer zu deutende Hinweise gegeben. Erst in seinen späteren Romanen und Kurzgeschichten – vor allem Nymphomation und Automated Alice – wird dieser Charakter deutlicher als eine Hommage an eines von Noons großen Vorbilder herausgestellt: Hobart ist Lewis Carrolls Alice – in Gelb nur durch eine Referenz Game Cats auf den Namen seiner Mutter und damit auch der Wesen der „höchsten Stufe“, eben „Alice“ (aaO, 270), und die Erwähnung eines weißen Kaninchens als Türsteher des Slithy Tove (aaO, 141) angedeutet. In einem gewissen Sinne wird der Vurt dadurch zu Alice’s Traum, zu einer weiteren Reise „through the looking glass“ (vgl. auch bulletsofautumn).

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Weiterhin erinnert die Darstellung des englischen Gartens in der Feder English Voodoo an biblische Beschreibungen des Paradieses (aaO, 116, 160), es ist ein „wunderschöner“ und „friedlicher“ Ort, an dem unschuldige Sexualität erlebt wird (aaO, 160). Der tabuisierte Geschlechtsverkehr zwischen Geschwistern weckt hier keinerlei Schuldgefühle, er wirkt vollkommen natürlich.
Ein ebenfalls an die Bibel erinnerndes Bild ist die Übermittlung der Erkenntnis durch eine Schlange: Wird in der Bibel Eva durch den Teufel in Gestalt einer Schlange dazu verführt, vom Baum der Erkenntnis zu essen und so eben auch einen höheren Wissenstand zu erreichen, ist es in Gelb der Biss einer Traumschlange, der den Vurt sowohl auf Game Cat wie auch auf Scribble überträgt und beide so auf eine höhere Wissensstufe führt (aaO, 220ff).
In der biblischen Geschichte bedeutet das Essen vom Baum der Erkenntnis einen Verstoß gegen Gottes Befehl und damit die Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies. Sie führen fortan ein Leben in Leiden und Schmerzen, sind sterblich - woraus die menschliche Sehnsucht nach einem immateriellen Jenseits, nach einer transzendierten Existenz im himmlischen Reich, in Gegenwart Gottes, resultiert. Noon greift diese Ideen insofern auf, dass er Scribble und Desdemona mit ihrem Vordringen zu den Wissenswelten in Curious Yellow gegen die Gebote des Vurt verstoßen lässt – Wissensfedern sind nur für die Auserwählten, nicht für „Reine“. Desdemona leidet daraufhin körperliche Qualen, Scribble seelische Schmerzen auf Grund des Verlustes. Der Schlangenbiss weiterhin führt zu Scribbles und Cats Lösung von der Materialität der realen Welt und zu ihrer Existenz in der „Traum“welt des Vurt, ist damit also Voraussetzung für das Erreichen eines Jenseits.

In Game Cats Darstellungen wird Vurt mit einem Bereich oberhalb der Realität assoziiert (aaO, 113). Angestrebt wird der Aufstieg zu diesem Bereich, also die Überwindung des realen Lebens für eine Existenz im Vurt. Wer dieses Ziel erreicht hat, wie etwa Game Cat selbst, steht auf einer „höheren Stufe“ als diejenigen, die „in der Wirklichkeit“ verhaftet sind. Dieser Aufstieg gelingt allerdings nicht jedem. Wer Zutritt zu den höheren Ebenen erlangen darf, regelt der Sniffing General, der als eine Art Torwächter den Zugang zu den verschiedenen Ebenen kontrolliert. Die höchste Stufe erreichen nur Auserwählte, die den Vurt in sich tragen – oder diejenigen, sie sich Wissen durch „Folter“, durch „Leiden“ verdient haben (aaO, 113). Dies macht Noon mittels eines Artikels in Game Cats Zeitschrift deutlich, in dem er Cat und seinesgleichen durch die Verwendung biblischer Begriffe explizit als übernatürliche Wesen darstellt: „Wissensvurts sind für die Auserwählten, nicht für die Herde. [...] Sie werden von den Himmlischen zu ihrem eigenen Vergnügen gemacht.“ (aaO).
Die Ideen des Aufstiegs durch Auserwähltheit bzw. durch Verdienst erinnern stark an christliche Glaubensrichtungen, widersprechen sich aber auch. In fundamentalistisch christlichen Richtungen, wie etwa Calvinismus oder Baptismus, erhalten nur die von Gott Erwählten Eingang ins Paradies, andere protestantische Richtungen und der Katholizismus betonen eher den Verdienst-Gedanken.
Das letzte Kapitel, in dem Scribble zur beinahe höchsten Stufe seiner Erkenntnis gelangt ist und nur noch im Vurt existiert, trägt den Titel „Ewigkeit“: Er und Game Cat führen ein nahezu altersloses Leben, losgelöst von unangenehmen Körperlichkeiten, während sie angenehme, wie Sexualität, noch erleben können. Scribble ist nun der Zutritt zu fast allen Türen erlaubt. Die Erkenntnis, die Scribble zu dieser Stufe führt, besteht nicht in der Anerkennung einer göttlichen Allmacht, sondern in der Selbsterkenntnis („[...] was ich bin. Was ich geworden bin.“ aaO, 343, Hervorhebungen im Original). Er akzeptiert seine Lage, damit Desdemona in der wirklichen Welt leben kann, denn „[...] ihr Hierbleiben [wäre] ein Verrat gewesen, ein Verrat am Leben.“ (aaO, 343). Die Existenz im Vurt ist für Scribble kein erstrebenswertes Ziel, sie erscheint vielmehr als Opfer.
Game Cats Abwendung von der Realität wird nicht nur als Aufstieg zu einer höheren Ebene, sondern auch als Flucht aus der von ihm nicht ertragenen realen Welt und als Verlust seiner Identität gewertet (aaO, 263f). Besonders in Tristans Darstellung erscheint Game Cats Auffassung des Vurt als sektiererisch: „Es ist eine durchgeknallte Religion, mehr nicht. Sie glauben, Vurt wäre mehr, als er tatsächlich ist, verstehst du? Irgendein erhabener Weg der Erkenntnis oder so was. Aber das ist es nicht. Vurt ist nur kollektives Träumen. Mehr nicht, verdammt noch mal!“ (aaO, 224). Tristan hat sich vollkommen von der alternativen Realität des Vurt abgewandt, benutzt keine Federn mehr, da er die „wirkliche Welt“ den „Träumen“ vorzieht – Vurt ist für ihn „nicht natürlich“ (aaO, 78). So bildet er den rationalistischen Gegenpol zu seinem Bruder Game Cat und der quasi-religiösen Auffassung, die dieser symbolisiert.



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