Hausarbeit im Hauptseminar Diesseits-Jenseits-Kodierung in der Literatur

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  2. Das Genre: Cyberpunk
  3. Der Autor - Jeff Noon
  4.1. Inhalt
  4.2. Erzählform, Struktur und Sprache
  4.3. Einordnung ins Genre
  5.1. „Wirkliche Welt“
  5.2. Vurt als virtuelle Realität
  5.3. Mythos
  5.4. Logos
  5.6. Raum
  5.5. Zeit
  6.1. Mensch/Maschine
  6.2 „Reine“/ „Hybriden“
  6.3. Körperlichkeit/Entkörperlichung
  7.1 Realität
  7.2 Identität
  8. Fazit: Vurt als erstrebenswertes Jenseits?
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5.2. Vurt als virtuelle Realität

Was ist nun Vurt in diesem Roman – eine alternative Realität, eine Realitäts-Konstruktion, eine Halluzination? Jeff Noons Version des Cyberspace? Simuliert oder real?
Die Beschreibung des Vurt erinnert in einigen Punkten an die Darstellung des Cyberspace in anderen Cyberpunk-Romanen, wenn hier auch keine Computer als Medium genutzt werden. In die Welten des Vurt gelangt man entweder, indem man sich Federn verschiedener Färbung in den Rachen einführt (aaO, 35) oder durch „Vurtfleisch“ (aaO, 11). Es gibt sechs Farben: blau, pink, schwarz, silbern und gelb, benutzte Federn werden beige. Diese Farben führen in unterschiedliche Szenarien: blaue Federn erinnern an harmlose Computerspiele (aaO, 22), pinke sind Pornovurts. Schwarze Federn führen in brutale virtuelle Welten, in denen gemordet und verletzt wird. Silberne Federn werden von sogenannten Operatoren benutzt, denjenigen, die Vurts herstellen oder verwalten (aaO, 50). Die in Gelb erwähnten gelben Federn sind unterschiedlicher Natur: Takshaka Yellow erinnert ebenfalls an ein Computerspiel, bei dem der Spieler eine Aufgabe lösen muss (aaO, 191ff), Curious Yellow dagegen soll durch die Konfrontation mit der Vergangenheit zu Wissen führen. Der Tod in einer gelben Feder bedeutet auch Tod in der realen Welt (aaO, 50).
Virtuell wird die Dimension des Vurt durch das Erleben der Nutzer: Diese nehmen den Vurt durch Sinneseindrücke wahr, verspüren sowohl körperliche als auch seelische Empfindungen. Bezeichnend ist, dass der Nutzer vergisst, dass er sich in einem Vurt befindet und seine Erlebnisse für real hält, bis die Wirkung der Feder nachlässt (aaO, 40). Gelegentlich kommt es aber zu dem Gefühl der „Heimsuchung“ – „haunting“ im englischen Original – der Ahnung, dass da noch eine andere Welt ist: „Irgendwo gibt es noch ein anderes Leben. Das hier ist nicht das einzige!“ (aaO, 36, Hervorhebungen im Original). Dieses Gefühl, die Erinnerung an die Realität, wird von den Nutzern als unangenehm empfunden (aaO, 36).
Bei blauen, pinken und schwarzen Federn ist es möglich, das Szenario vor dem Erreichen des eigentlichen Ziels zu beenden, indem man „rausspringt“. Dies hat allerdings ebenfalls sehr unangenehme Empfindungen zu Folge. So fühlt sich Scribble, als würde ihn etwas Fremdes, ein „Gespenst“, aus dem Vurt zurückreißen (aaO, 37).
Gegenstände und Personen aus der Realität können gegen Gegenstände und Personen des Vurt getauscht werden, freiwillig oder unfreiwillig. Dabei muss ein gewisser Wert beibehalten werden, um das „Gleichgewicht“ zwischen beiden Welten zu erhalten (aaO, 68f).
Einige Menschen – und andere „Daseinsformen“ – sind immun gegen die Federn und können keinen Vurt erleben. Diese werden „Dodos“ oder „Fluglose“ genannt, ihr Leben wird als „traurig“ beschrieben (aaO, 34).
Auf die Entstehung von Vurtfedern wird nicht genau eingegangen. Für einige Varianten – blaue, pinke und schwarze – gibt es Darsteller, denen mit „saugenden Federn“ „die Träume gestohlen“ werden, wie die Vurtschauspielerin Cinders Scribble berichtet (aaO, 251). Der dadurch entstehende Rauch wird bearbeitet und mit Hilfe von Vurt-Schlangen editiert. Allerdings ist dazu nur in der Lage, wer selbst Vurt in sich trägt (aaO, 247ff).

Noons Protagonisten bezeichnen den Vurt explizit als „Traum“ oder auch als „die Träume anderer Menschen“ (aaO, 104). Die Stash Riders erleben die Szenarien zunächst nur gemeinsam, als „gemeinsamen Traum“ (aaO, 16) – ein Verweis auf die „Konsens-Halluzination“ des Cyberspace bei William Gibson. Die Assoziationen mit „Träumen“ genauso wie mit „Rauch“ rücken Vurt ins Irreale, lassen die virtuellen Realitäten als simuliert, als ‚vorgegaukelt’, erscheinen. Diese Traumhaftigkeit wird unterstrichen durch das Gefühl „als würde man in jemandes Kopf sitzen.“ (aaO, 105, 107).
Jedoch kann Vurt in die Realität einbrechen, Simulation und Wirklichkeit überlagern und interagieren: Desdemona geht in einer Feder verloren, wird gegen ein anderes Wesen ausgetauscht. In einer Szene meldet sie sich telefonisch aus dem Vurt (aaO, 48), ein andermal erhält Scribble eine Postkarte von ihr (aaO, 172). Auch Schlangen, die als eine Art Computervirus in raubkopierten Federn leben, können in die Realität gelangen (aaO, 29), ihr Biss überträgt den Vurt auf den menschlichen Körper. „Ding-aus-einer-anderen-Welt“ (aaO, 11), das Vurt-Wesen, wie auch Tristans ebenfalls aus dem Vurt stammende Freundin Suze werden als „Außerirdische“ (aaO, 23ff) bezeichnet. Der Vurt wird damit zunächst deutlich von der Realität abgegrenzt. Aber: Suze und „Ding“ stammen „nicht wirklich aus einer anderen Welt“ (aaO, 24); beide erlangen nach dem Austausch eine physische Realität, sie können schwanger werden, verletzt werden und sterben. Durch diese Beschreibungen erhält die virtuelle Realität des Vurt eine physikalische Qualität, sie erscheint als genau so real wie die „wirkliche Welt“.
Die letztendliche Auflösung erfährt Scribble – und damit auch der Leser – als er selbst bereits längere Zeit im Vurt existiert, bei einer Begegnung mit Hobart: „We´re all in there, Scribble. Inside Miss Hobart´s head. [...] That´s where we start.“
Vurt ist Hobarts Traum. “Nichts ist real.” (NOON 1993, 196)

Die Federn werden als Ausbruch aus der Realität benutzt. Im Verlauf der Handlung wird dieser Ausbruch immer mehr zur Flucht: Die Protagonisten versetzen sich in die Vergangenheit oder in angenehme Welten, um ihren Problemen in der wirklichen Welt zu entgehen und ihren Schmerz zu vergessen (aaO, 174ff). Die Szenarien der blauen Federn erscheinen idyllisch, versetzen den Nutzern bonbon-bunte Welten, in denen sie nur angenehme Gefühle erleben (aaO, 99ff). Pinke Federn eröffnen den Zugang zu in der Realität nicht erlebten sexuellen Erfahrungen (aaO, 105ff). Schwarze Federn führen in Welten voller Brutalität und Blut, jedoch werden auch diese von den Nutzern als positiv erlebt, da sie in diesen Szenarien zu Helden werden und größere Kräfte besitzen als im realen Leben; hier können sie Tabus brechen und Grenzen übertreten.
Allerdings führen nicht alle Federn in positive Welten. Gelbe Federn bieten allzeit die Gefahr des realen Todes (aaO, 50). In den friedlichen Garten von English Voodoo bricht durch die Beschreibung der in scharlachrot gewandeten, gesichtslosen Mönche ein Gefühl der Bedrohung ein (aaO, 161ff). Desdemona erleidet in Curious Yellow schließlich körperliche und seelische Qualen, so dass Scribble sie aus dieser Welt befreien, „retten“, und zurück in die Realität bringen will (aaO, 48).



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