Hausarbeit im Hauptseminar Diesseits-Jenseits-Kodierung in der Literatur

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  2. Das Genre: Cyberpunk
  3. Der Autor - Jeff Noon
  4.1. Inhalt
  4.2. Erzählform, Struktur und Sprache
  4.3. Einordnung ins Genre
  5.1. „Wirkliche Welt“
  5.2. Vurt als virtuelle Realität
  5.3. Mythos
  5.4. Logos
  5.6. Raum
  5.5. Zeit
  6.1. Mensch/Maschine
  6.2 „Reine“/ „Hybriden“
  6.3. Körperlichkeit/Entkörperlichung
  7.1 Realität
  7.2 Identität
  8. Fazit: Vurt als erstrebenswertes Jenseits?
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5.1. „Wirkliche Welt“

„In jenen Tagen existierten wir nur in der Dunkelheit.“ (NOON 1993, 11)
Bereits dieser Satz, einer der ersten des Romans, ist bezeichnend für das Bild, das Jeff Noon vom Leben im Manchester der Zukunft zeichnet. Die Protagonisten Gelbs sind eine Gruppe von jungen Leuten am Rande der Gesellschaft, die keiner geregelten Arbeit nachgehen und wie die meisten Menschen von Sozialhilfe leben (aaO, 32). Im Vurt suchen sie Abwechslung von der trostlosen Wirklichkeit (aaO, 11ff.), die aus der Beschaffung von neuen Drogen und dem Umgehen der allgegenwärtigen Überwachung durch die Polizei besteht. Ihr Leben spielt sich meistens während der Nacht ab.
Manchester als Ort der Handlung bleibt eher gesichtslos, es gibt kaum explizite Beschreibungen. Lediglich einzelne Viertel werden über Sinneseindrücke und die Gefühle, die diese auslösen, veranschaulicht – so etwa das Curry-Viertel, das die Gruppe der Stash-Riders durch seine Gerüche nach „Koriander, Kreuzkümmel, Zimt, Kardamon“ wahrnehmen und das sie so an ihren Hunger erinnert (aaO, 19). Ein anderes Beispiel ist die Wohnung von Tristan und seiner Freundin Suze, in der die Gerüche von Marihuana, Räucherstäbchen und Shampoo ein Gefühl von Heimat erzeugen (aaO, 77ff).
Das Haus, in dem die Wohnung der Stash Riders liegt, ist ein „altmodisches Mietshaus“. Durch einen sterilen Hausflur und die Tatsache, dass sich die Mieter untereinander nicht zu kennen scheinen, wirkt es trostlos, aber auch äußerst realistisch (aaO, 23ff). Die Wohnung wird nicht genauer beschrieben, einzig die Erwähnung eines „kleinen Klecks Apfelgelee“ auf dem Küchentisch erweckt den Eindruck von Unordnung und Vernachlässigung (aaO, 32).

Aus der anonymen Umgebung ragen der Stadtteil „Bottletown“, das Haus von Koch Barnie und seiner Frau Cinders in „Roboville“ und „Shitville“, das Haus des „Überhundes“, heraus. Diese Handlungsorte markieren unterschiedliche Stationen auf Scribbles Suche:
Bottletown wird beschrieben als „Mischlingsghetto“ (aaO, 71), in dem Angehörige aller „Daseinsformen“ und Hybriden zusammen leben. Gekennzeichnet ist das Viertel durch Millionen von zerschlagenen Flaschen, deren Scherben sämtliche Straßen bedecken. Durch diese Anhäufung von Müll entsteht aber keineswegs der Eindruck von Chaos, sondern vielmehr von Schönheit: „Ganz Bottletown, vom Einkaufszentrum bis zu den Festungswohnungen, leuchtete und glitzerte wie der zerbrochene Spiegel des hellsten Sterns. Solche Schönheit inmitten der Stadt der Tränen.“ (aaO, 70). Bezeichnend ist allerdings auch, dass diese Schönheit unmittelbar mit Schmerz verbunden ist („[...] bis das ganze Viertel ein Glitzerpalast war, scharfkantig und schmerzhaft für jeden, der damit in Berührung kam.“ aaO, 71). An diesem Ort wird zum ersten Mal im Roman die Schmerzhaftigkeit der Realität symbolisiert, die Scribble hier nicht mehr ertragen kann, so dass er sich nach einer Flucht in die alternative Welt des Vurt sehnt. („Ich will nur noch im Vurt sein. Für immer. Das Leben ist zu heavy für mich. Ich kann den Schmerz nicht ertragen.“ AaO, 74-75. Hervorhebungen im Original.).
Das Haus des Roboterkochs Barnie und seiner Frau Cinders, einer Vurtdarstellerin, erscheint zunächst als einziger Anachronismus: Das Wohnzimmer ist eingerichtet wie „in den frühen Neunzigern“, im Fernsehen laufen Sendungen aus Scribbles Kindheit (aaO, 236ff). Es wird so zum anheimelnden Zufluchtsort, an dem Scribble und die restlichen Stash Riders für einen Moment zur Ruhe kommen können. Bald muss Scribble jedoch erkennen, dass es sich bei diesem Haus lediglich um den Nachbau verschiedener Vurtdrehorte handelt (aaO, 244), der noch dazu in dem von Robos bewohnten Stadtteil „Roboville“ oder auch „Toyville“ liegt (aaO, 239). Ruhe und Harmonie in dieser Welt sind also nicht real, sondern nur eine Simulation, die Scribble auch bald hinter sich lassen muss.
„Shitville“ ist der Wohnort von einer unbestimmten Anzahl von Hundemenschen und ihrem Anführer „Überhund“ (aaO, 281ff). An diese Bewohner ist auch die Beschreibung des Ortes angepasst. Es herrscht Dunkelheit, dominierend sind die Gerüche: „Der Gestank hing schwer in der Luft, beinahe greifbar [...]“ (aaO, 282), „Im Raum war es stockdunkel, aber ich konnte das Fleisch riechen...“ (aaO, 283), „Das Zimmer roch wie ein Porno. [...] Porno für die Nase.“ (aaO, 284). Es ist eng, dreckig, überall liegen die Ausscheidungen der Hunde verteilt. In den unzähligen Zimmern des verwinkelten Hauses bemerkt Scribble fressende, Drogen konsumierende und kopulierende Hundemenschen (aaO, 284f), während er sich auf dem Weg nach „oben“ befindet, wo das Shadowmädchen Bridget und der „Überhund“, halb Mensch, halb Hund, ihr Zimmer haben. Aus diesem Zimmer dringen ein „blauer Lichtschein“ und der Geruch von „Blumen“ (aaO, 286). „Shitville“ wird so als Ort der animalischen Triebe der mit Sauberkeit und Ordnung assoziierten menschlichen Welt gegenübergestellt, Menschen – bzw. in diesem Fall „Shadows“ – erscheinen als höherwertige Wesen. Bezeichnender Weise befinden sich Bridget und der „Überhund“, als menschlichstes der Hundewesen, eben auch in der obersten Etage.

Auffällig ist die Rolle von großen Menschenmassen in einigen zentralen Sequenzen des Romans - so etwa die Party, auf der Scribble als DJ auflegt (aaO, 129-137), das Konzert des Dingo Star (aaO, 141-167) und das Eid-Fest am Ende des Ramadan (aaO, 304-313). Bei allen diesen Ereignissen herrscht Enge, viele Körper drängen sich aneinander. Die Menge bekommt eine Eigendynamik, der Einzelne geht in der anonymen Masse unter, wird entindividualisiert. Zunächst scheint Scribble diese amorphe Ansammlung von Körpern durch seine Musik kontrollieren zu können. Mit dem Einbruch der Vergangenheit – in Gestalt von Mandy und Beetle – in sein neues Leben als DJ beginnt er jedoch, diese Kontrolle zu verlieren (aaO, 135ff). In der nächsten Sequenz zeigt er sich von der Menge verwirrt, sie wirkt beängstigend, er „verliert“ sich selbst in der Masse (aaO, 144). Andererseits kann das Gedränge auch schützen, das Verschwinden in der Menge erweist sich als Rettung für die flüchtenden Stash Riders (aaO, 306f)
Dingo Stars Konzert und das Eid-Fest enden in einer Entladung der Gewalt und mit dem Tod bzw. der tödlichen Verletzung mindestens einer der Hauptpersonen. So symbolisieren diese Passagen den Verlust und den daraus resultierenden Schmerz, mit dem Scribble und seine Freunde umgehen müssen. Verliert Tristan nach dem Konzert seine Freundin Suze, die von Polizisten erschossen wird (aaO, 171) und muss Scribble danach seinem angeschossenen Freund Beetle beim langsamen Sterben zusehen (aaO, 174ff), fordert die Begegnung mit einem Polizisten auf dem Eid-Fest das Leben des gegen Desdemona eingetauschten Vurt-Wesens (312f). Mit ihm stirbt zunächst Scribbles letzte Hoffnung auf Desdemonas Rettung, der Tod aller anderen Protagonisten erscheint sinnlos.

Die Realität in Gelb ist also eine dunkle Welt, eine nicht enden wollende Nacht, in der meistens Regen fällt und die durch Gewalt, Schmerz und den Verlust von geliebten Menschen gekennzeichnet ist. Mehr als einmal flüchten die Protagonisten aus dieser Realität in die Scheinwelten des Vurt. Die wirkliche Welt ist „unten“, die Alternativrealität Vurt „oben“ (aaO, 113). Aber ist sie damit auch erstrebenswerter?



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