Hausarbeit im Hauptseminar Diesseits-Jenseits-Kodierung in der Literatur

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  2. Das Genre: Cyberpunk
  3. Der Autor - Jeff Noon
  4.1. Inhalt
  4.2. Erzählform, Struktur und Sprache
  4.3. Einordnung ins Genre
  5.1. „Wirkliche Welt“
  5.2. Vurt als virtuelle Realität
  5.3. Mythos
  5.4. Logos
  5.6. Raum
  5.5. Zeit
  6.1. Mensch/Maschine
  6.2 „Reine“/ „Hybriden“
  6.3. Körperlichkeit/Entkörperlichung
  7.1 Realität
  7.2 Identität
  8. Fazit: Vurt als erstrebenswertes Jenseits?
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4.2. Erzählform, Struktur und Sprache

Gelb ist aus der Sicht des personalen Ich-Erzählers Scribble geschrieben, der zwanzig Jahre nach den beschriebenen Ereignissen auf diese zurückblickt. Dabei berichtet er nicht nur von den Geschehnissen, sondern kommentiert diese auch aus seiner nun erfahreneren, wissenderen Position heraus. Diese Kommentare sind durch kursiven Druck von der eigentlichen Erzählung abgehoben . Der Leser wird vom Ich-Erzähler mehrmals direkt angesprochen, dadurch verringert sich die Distanz, der Leser fühlt sich in die Geschichte hineingezogen, die Erzählung wirkt realistischer.
Gegliedert ist der Roman in Überkapitel, „Tag 1“ bis „Tag 24“ und „Ewigkeit“, die wiederum in mehrere Unterkapitel aufgeteilt sind. Die Ereignisse zwischen „Tag 3“ und „Tag 21“ werden dabei ausgelassen – in dieser Zeit wendet sich Scribble zunächst von seiner Stash Rider-Vergangenheit ab und versucht, sich ein neues Leben aufzubauen, die Geschehnisse hier sind also für die Entwicklung der Geschichte irrelevant. Unterbrochen wird diese Struktur von Ausrissen aus der fiktiven Zeitschrift „Game Cat“, die in den vorhergehenden Kapiteln erwähnte Vurt-Federn oder Begriffe näher erläutert. Erzählzeit ist - außer im letzten Kapitel, das Scribbles gegenwärtige Situation beschreibt - Imperfekt, abgesehen von einigen kürzeren Passagen, in denen Präsenz zur Spannungssteigerung genutzt wird.
Diese eigentlich sehr lineare, chronologische Struktur wird aufgelöst durch die in mehreren Rückblicken erzählte Geschichte vom „Verlust“ Desdemonas in English Voodoo (aaO, 84ff, 160ff), weiterhin führen auch verschiedene Vurt-Szenarien in die Vergangenheit der Protagonisten. Ein Gefühl von Gleichzeitigkeit der Ereignisse wird dadurch geschaffen, dass in jedem Unterkapitel eine Vielzahl von neuen Charakteren eingeführt wird und sich wieder und wieder unvorhergesehene Wendungen ereignen. Es entsteht eine Dualität aus der Zeitgebundenheit der Realität und der Zeitlosigkeit des Vurt, die mit dem letzten Kapitel, der „Ewigkeit“, verdeutlicht wird.
Umschlossen wird der Roman von einer Klammer: „Ein kleiner Junge steckt sich eine Feder in den Mund...“, „ein kleiner Junge nimmt eine Feder aus seinem Mund.“, durch die die gesamte Handlung in den Kontext eines Vurt-Traumes gesetzt wird (siehe auch Punkt 7.1: Realität).

Die Sprache wechselt zwischen sehr langen, ausführlichen und poetischen Beschreibungen, sowohl von der Realität als auch vom Vurt, zu sehr kurzen, teilweise elliptischen Sätzen . Hier zeigt sich Noons Beeinflussung durch Musik – die Sprache bekommt einen Rhythmus, ist abwechslungsreich und lebhaft, was durch die vielen langen Dialoge noch unterstrichen wird.
Da die Geschichte aus der Perspektive eines personalen Erzählers geschrieben ist, zentriert sich auch die Sprache wesentlich auf den Menschen: Scribbles Seelenleben steht im Vordergrund, daher werden seine Gefühle und Sinneseindrücke ausführlich dargestellt. Damit bildet Noons Stil einen Gegensatz zu der oft eher kalten, technifizierten Sprache der meisten Cyberpunk-Romane (vgl. etwa GIBSONS Neuromancer-Triologie).
Durch die von den Protagonisten verwendete Alltagssprache und die teilweise recht drastischen und obszönen Ausdrücke schafft Noon die Verbindung zum Punk. Immerhin sind seine Figuren aus der Unterschicht der Gesellschaft, drogenabhängige Kleinkriminelle. Die starke Sexualisierung der Sprache betont die herausragende Stellung der Körperlichkeit.

Wichtige Metaphern sind zum einen die „Türen“, die den Zugang zu Vurt-Szenarien, aber auch zu anderen Ebenen der Realität regeln. Damit stellen sie im Roman die Verbindung zwischen Realität und Vurt dar, auf der metaphorischen Ebene können sie verstanden werden als ein Verweis auf die christlichen Himmelstore, die Türen zum Jenseits sowohl als auch zum Leben – sie sind in beide Richtungen durchlässig. Jede dieser Türen kann nur mit entsprechender „Zugangsberechtigung“ durchschritten werden – wie die Himmelstore werden sie bewacht, die Durchgänge in Gelb werden vom „Türgott“ Sniffing General geregelt. Wie den Zugang zum christlichen Himmel müssen sich die Protagonisten des Romans ihre „Zugangsberechtigung“ zum Reich des Vurt erst verdienen (aaO, 256ff, 330ff).
Eine andere zentrale Metapher stellen die „Augen“ dar. Im Volksmund ja „Spiegel der Seele“, dienen sie hier sozusagen als Spiegel des Vurt. In ihnen zeigt sich, ob eine Person den Vurt in sich trägt oder nicht, hier erkennt man also die tatsächliche Identität der Person (aaO, 244ff).
Der „Spiegel“ schließlich steht als Metapher für die Selbsterkenntnis, bzw. durch das Nicht-Erkennen des Spiegelbilds für das Gefühl der Selbstentfremdung (aaO, 320ff; zu diesem Punkt siehe auch 7.2: Identität).



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